Bericht zur Frühjahrstagung 2004 und Festsitzung zum 225. Gründungsjubiläum der Gesellschaft in Görlitz

Zur Frühjahrstagung 2004 der Gesellschaft trafen sich am letzten Aprilwochenende ca. 80 Wissenschaftler und an der Geschichte der Oberlausitz Interessierte sowie Ihre Gäste, um der vor  225 Jahren am 21. April erfolgten Gründung der Gesellschaft mit einer Festsitzung zu gedenken.

Besonders herzlich begrüßt wurde aus diesem Anlass Staatsminister Dr. Matthias Rößler, der in seinem Grußwort an den Geist der europäischen Aufklärung erinnerte, in deren Epoche die Gesellschaft 1779 gegründet wurde. Besonders dankte er dem Präsidenten Prof. Dr. Karlheinz Blaschke und allen Mitgliedern für die Bemühungen um die Erforschung der Geschichte der Oberlausitz und deren Vermittlung in der Gesellschaft als einen wichtigen Beitrag für die Traditionspflege und die Entwicklung des Heimatbewusstseins der Bürger der Region. Er wünschte sich, dass dieses Engagement zu einer starken Integration insbesondere der Jugend beitragen möge, damit diese nach der Ausbildung  motiviert werde, in die Oberlausitz zurückzukehren. Er ermunterte die Anwesenden, die Zusammenarbeit mit den östlichen Nachbarn zu intensivieren und Beziehungen auf allen Ebenen, zwischen Vereinen, Institutionen, Hochschulen, Wirtschaftsbetrieben und Behörden anzustreben.

Mit dem Oberbürgermeister der Stadt Görlitz, Prof. Karbaum und dem Vorsitzenden der Naturforschenden Gesellschaft, Prof. Dunger, überbrachten weitere hochrangige Gratulanten beste Wünsche an die Jubilarin.

In seinem engagiert vorgetragenen Festvortrag resümierte der Präsident, Prof. Karlheinz Blaschke, unter der Überschrift "225 Jahre - ein Anlass zum Nachdenken" über die Situation der Oberlausitzischen Gesellschaft zwischen Wissenschaft und politischer Verantwortung. Eine erste und auf Grund der erbrachten Leistungen gerechtfertigte "Jubelfeier" konnte die Gesellschaft 1879 anlässlich des einhundertjährigen Bestehens feiern. Auch 50 Jahre später, zum Jubiläum 1929 hatte sie trotz der Teilung des Landes 1815 noch ihre Wirkungsmöglichkeiten. Doch schon zum 175. Jubiläum 1954 und insbesondere anlässlich des zweihundertsten Jahrestages 1979 waren Gedenkveranstaltungen nicht mehr möglich. Wie alle anderen Vereine wurde auch die Oberlausitzische Gesellschaft 1945 verboten und ihr Wirken bis zur friedlichen Revolution 1989/90 und der sofort 1990 erfolgten Wiedergründung unterbrochen.  Mit dem in diesem Jahr zu begehenden Jubiläum bot sich nun erstmals wieder die Möglichkeit, die Tradition der Gedenktage erneut aufzugreifen. Trotz der erzwungenen Unterbrechung der Arbeit während der SED-Herrschaft ist es der Gesellschaft gelungen, sich zusammen mit der Naturforschenden Gesellschaft der Oberlausitz als die einzigen verbliebenen Elemente für die gesamte Oberlausitz zu erhalten und gemeinsam eine Landesidentität zu verkörpern. Im Wissen um die einzigartige Geschichte und Traditionen der Oberlausitz, liegt es in der Verantwortung der Gesellschaft, dieses Vermächtnis weiter zu pflegen und auch zukünftig identitätsstiftend zu wirken.Auch wenn in der gegenwärtigen Lage der Gesellschaft kein Grund zum Jubilieren bestehe, ist es doch ein begründeter Anlass, sich auf diejenigen zu besinnen, die seit 225 Jahren in der Gesellschaft zum Wohle der Oberlausitz gewirkt haben.

Danach blickten Prof. Döring von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und Prof. Udolph, Technische Universität Dresden, in zwei Vorträgen auf die Anfänge der Gesellschaft zurück. Prof. Dr. Detlef Döring sprach zu ausgewählten gelehrten Sozietäten der Oberlausitz im 18. Jahrhundert. Nach einer allgemeinen Einführung in die Geschichte der Sozietäten, die ihre Wurzeln ebenso wie die Gesellschaft im Geiste der Aufklärung hatten, sprach er über einige ausgewählte gelehrte Sozietäten. Er erinnerte an den starken Einfluss der Universität Leipzig, die zu dieser Zeit fast als eine Landesuniversität für die Geschichte der Oberlausitz zu bezeichnen war. Abschließend forderte Prof. Döring die konsequente Erforschung des Sozietätswesens in der Oberlausitz und verwies darauf, dass selbst zur Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften bis heute keine den modernen Ansprüchen genügende Monographie vorliegt.

Im zweiten Vortrag der Festsitzung stellte Prof. Dr. Ludger Udolph die slawistischen Studien Karl Gottlob von Antons, einer der Begründer der Gesellschaft, in den Mittelpunkt seines Referates. Insbesondere stellte er heraus, dass die Deklination einer Sprache entscheidend für die Sprachverwandtschaft sei und nicht - wie oftmals vermutet - die Lehnwörter. Er verdeutlichte das an der irrtümlich angenommenen Verwandtschaft der deutschen Sprache mit der Sprache der Inuit. Prof. Udolph resümierte, dass von Anton in der Zusammenfassung seiner Forschungsleistungen nicht unbedingt als progressiver "Neuerer" zu bezeichnen sei.

Zum Abschluss der Festsitzung brachte Günter Rautenstrauch, M.A., Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, den Zuhörern  das Wirken des berühmten Zittauer Rektors Christian Weise näher, indem er sich mit der Idee und Wirklichkeit gymnasialer Bildung im Spiegel eines Zittauer Lehrplanes von 1690 auseinander setzte. In den Mittelpunkt seiner Erörterungen stellte er vier Schriften Weises zu Bildungs- und Erziehungsfragen. Der Referent stellte die von Weise praktizierte Unterrichtsmethode, die versuchte, die unterschiedlichen Fähigkeiten der Schüler mittels angepasster Unterrichtsmethoden zu fördern und dabei eine möglichst gewinnbringende Mischung aus Milde und Härte anzuwenden vor. Diese theoretischen Ansätze des Rektors bewertete er als ausgesprochen fortschrittlich und bis heute gültig, was den ungeteilten Beifall der Zuhörer fand. 

Abgerundet wurde die Frühjahrstagung der Gesellschaft am Sonntag durch eine vom Akademischen Reisedienst Görlitz organisierte Exkursion zu den Geburts- und Wohnstätten der Gründungsmitglieder der Gesellschaft. Mehr als 30 Personen fuhren, begleitet von einem fachkundigen deutschsprachigen Führer nach Kiesslingswalde, Geburts- und Sterbeort von Ehrenfried Walter von Tschirnhaus, und zum Schloss und Park Meffersdorf, ehemaliger Sitz von Adolf Traugott von Gersdorf. Ein Besuch von Schloss Tzschocha mit Kaffeetafel und anschließender deutschsprachiger Führung gestaltete sich zu einem wohltuenden Aufenthalt. Das Schloss präsentiert sich in einem gut erhaltenen Zustand und bietet auch reizvolle Blicke in die Umgebung. Dem gegenüber befinden sich die besuchten Herrenhäuser in bedauernswertem Zustand.