Das Gesellschaftsleben im 20. Jahrhundert

1900

Der 100. Geburtstag des Dichters Friedrich von Uechtritz (1800-1875) wird begangen. Sein literarischer Nachlass wird der Gesellschaft übereignet. Ferner wird der 200. Geburtstag Zinzendorfs begangen. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) war ein lutherisch-pietistischer Theologe und Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine sowie Dichter zahlreicher Kirchenlieder. Es wird mit der systematischen Aufstellung des Bestandes der Oberlausitzer Dorfschöppenbücher begonnen.

1901

Die Görlitzer Chronik von Abraham Frenzel konnte erworben werden. Das von Gersdorffsche Grab in Meffersdorf wird von der Gesellschaft in Pflege genommen.

1902

Es treten neue Bestimmungen für die Benutzung der Gesellschaftsbibliothek in Kraft.

1903

Hermann Knothe stirbt und vermacht der Gesellschaft 5.000 Mark. Seine bis heute grundlegenden Arbeiten, die zumeist im "Neuen Lausitzischen Magazin" erschienen, thematisierten vornehmlich die oberlausitzische Rechts- und Verfassungsgeschichte sowie die Geschichte des einheimischen Adels. Sie zeichnen sich durch umfangreiche Quellenstudien aus, wodurch Knothe maßgeblich zur Qualität und zur Anerkennung der Zeitschrift beitrug. 1879 ernannte ihn die Gesellschaft zum Ehrenmitglied.

1904

Das 125-jährige Jubiläum wird feierlich begangen. Der Gemeindekirchenrat zieht als Mieter in das erste Stockwerk der Neißstraße 30 ein und es werden neue Arbeitsräume im Mittelhaus geschaffen. Der Kommerzienrat Arthur Alexander-Katz schenkt der Gesellschaft 2.000 Mark. Der Präsident nimmt an der Einweihung des Wendischen Museums in Bautzen teil.

1905

Die 204. Hauptversammlung findet am 14. Juni in Bautzen statt. Es wird dabei das 100-jährige Gedächtnis Schillers und Rietschels begangen und Prof. Arras informiert über das Bautzener Ratsarchiv. Die Preisarbeit "Geschichte des Siebenjährigen Krieges in der Ober-lausitz" wird ausgeschrieben, da sie jedoch bis 1908 nicht gelöst wird, wird sie noch ein-mal gestellt, jedoch auch ohne Erfolg. Die Gesellschaftshäuser werden teilweise saniert.

1906

Die Deutsche Anthropologische Gesellschaft tagt im Gesellschaftshaus. Am 20 Februar wird in den Räumen eine Ausstallung zu Christoph Nathe eröffnet.

1907

Am 16. Juni findet eine Gedächtnisfeier zum 100. Todestag des Stifters Adolph Traugott von Gersdorff in seinem Schloss und an seinem Grab in Meffersdorf statt. Die Gedächtnis-rede hält Dr. Richard Jecht. Der Justizrat Prasse vermacht der Gesellschaft 2000 Mark.

1908

Einige Aquarelle von Christoph Nathe werden im Kaiser-Friedrich-Museum ausgestellt. In diesem und im darauffolgenden Jahr erhält das Gesellschaftshaus eine neue Fassade.

1909

Eine auf dem Haus Untermarkt 2 in Görlitz ruhende Hypothek wird an die Gesellschaft zu-rückgezahlt. Die Gesellschaft gratuliert der Niederlausitzischen Gesellschaft zu ihrem 25-jährigen Bestehen mit einem Sonderdruck des Acheldemachs. Das Kobersteinsche Bild, welches die Gründung der Gesellschaft darstellt, wird angekauft, die Kupferstichsammlung wird durch Walther Jecht geordnet.

1910

Das Gesellschaftshaus bekommt eine elektrische Beleuchtung. Die Knauthesche Originalhandschrift der Görlitzer Topographie wird erworben.

1911

Vom preußischen Kultusminister bekommt die Gesellschaft einen finanziellen Beitrag für den Drucklegung der "Geschichte des Oberlausitzer Adels und seiner Güter" von Boetticher. Dr. Jecht wird von der Universität Breslau zum Ehrendoktor ernannt. Die Gesellschaft gratuliert zum 100. Jubiläum der Naturforschenden Gesellschaft. Zu einer Ausstellung in Zittau werden 14 Bilder von einheimischen Künstlern verliehen.

1912

Der Kommerzienrat Albert Alexander-Katz stiftet einen Schrank für die Kupferstichsammlung. Es wird ein Buch für die Anwesenheit bei den Hauptversammlungen angeschafft.

1913

Am 14. Mai finden die Hauptversammlung in Bautzen statt, der Hauptvortrag von Prof. Arras hat das Thema der Schlacht bei Bautzen 1813. Es wird beschlossen, dem Sekretär nach 25jähriger Amtszeit die Wohnung frei zur Verfügung zu stellen.

1914

Mehrere Bilder werden erworben. Die Fassaden in den Innenhöfen des Gesellschaftshauses werden erneuert. Der Sekretär bekommt das Ritterkreuz des Albrechtsordens verliehen. Die Gesellschaft beteiligt sich an der Ausstellung für Heimatkunde in Lauban. Tafelgeschirr wird angeschafft. Wegen des Ersten Weltkrieges fallen, wie auch in den darauffolgenden Jahren mehrere Frühjahrs- und Herbstversammlungen aus.

1915

Wie bereits im Herbst 1914 fielt auch 1915 die Hauptversammlung wegen der Kriegsunruhen aus. Viele Mitglieder wurden einberufen. Die wissenschaftlichen Arbeiten werden jedoch fortgesetzt, das NLM kann aber nur mit einem Heft erscheinen. Die Bibliothek steht jeden Donnerstag um die Mittagszeit zur Benutzung zur Verfügung. Mehrere Geldspenden werden für Kriegszwecke und für einen Lazarettzug in Görlitz gezahlt. Für die zweite Kriegsanleihe werden 30.000 Mark, für die dritte 20.000 Mark gezeichnet.

1916

Der Kassierer und der Bibliothekar kehren vom Kriegsdienst zurück und übernehmen ihre Aufgaben wieder. Zwei Kriegspatenschaften werden übernommen. Ein Bild des Malers Christoph Nathe wird erworben. Der Humboldt-Verein in Löbau erhält zu seinem 50-jährigen Bestehen einen Glückwunsch.

1917

Der Görlitzer Magistrat verlangt den Rückkauf der von Uechtritzschen Begräbnisstätte auf dem Nikolaifriedhof in Görlitz. Die Frist wird zwar bis 1927 verlängert, jedoch verzichtet der Magistrat dann auf den Rückkauf, wenn die Gesellschaft die Gräber pflegt. Es findet am 10. Oktober eine Hauptversammlung statt.

1918

Sechs Goldmünzen aus der Sammlung müssen der Reichsbank zur Stärkung des Goldbestandes abgegeben werden, sie werden jedoch nach dem Kriegsende wieder zurück überwiesen. Bis 1929 wird jährlich nur noch eine Hauptversammlung abgehalten.

1919

Die prähistorische Sammlung der Gesellschaft wird leihweise der Stadt Görlitz überlassen. Am 8. April bricht im Hinterhaus des Gesellschaftshauses ein Feuer aus, welches jedoch bald gelöscht werden konnte, so dass keine Gefahr für das Sammlungsgut bestand. Es entstand ein Sachschaden von 4.900 Mark. In der Hauptversammlung wird den Ereignissen von 1319 in Görlitz gedacht.

1920

Durch die beginnende Inflation steigen auch die Ausgaben für die Gesellschaft. Die Siegelsammlung wird durch den Nachlass des Verlagsbuchhändlers Georg Starke vermehrt.

1921

Die Gesellschaft wird vom Reichsministerium für Finanzen für "gemeinnützig" erklärt und braucht dadurch kein Reichsnotopfer und keine Kapitalrentensteuer zu zahlen. In der Hauptversammlung spricht Richard Jecht zur ersten Erwähnung der Stadt Görlitz im Jahr 1071. Am 28. Juni nahmen viele Mitglieder an der Gareis-Feier im Kloster St. Marienthal teil, wo eine Gedenktafel enthüllt wird.

1922

Die Inflation bringt die Publikationstätigkeit, aber auch den Versand des Neuen Lausitzischen Magazins und den Ankauf von Büchern zum Erliegen. Die Vereinigten Papierfabriken in Bautzen liefern jedoch das Papier für den Druck zum halben Preis. Der dritte und vierte Band des Adelswerkes von Boetticher wird durch die Deputation für das Stift Joachimstein finanziell unterstützt.

1923

Der Präsident Paul von Wiedebach und Nostitz-Jänkendorf stirbt, als sein Nachfolger wird auf der 230. Hauptversammlung Dr. Adolf Graf von Arnim, Standesherr auf Muskau, gewählt. Auf Grund der Inflation werden die medizinischen Bücher und viele Dubletten verkauft, viele Mitglieder leisten finanzielle Unterstützung für die Gesellschaft. Die Notgemeinschaft für Deutsche Wissenschaft in Berlin gibt in diesem und in den folgenden Jahren immer wieder größere Geldbeträge zur Finanzierung des Neuen Lausitzischen Magazins. Zusammen mit der Naturforschenden Gesellschaft werden Ausflüge nach Hennersdorf, Joachimstein und Jauernick unternommen. Am 26. September tagt im Gesellschaftshaus die Leipziger Verbindung Sorabia (Lausitzer Prediger-Gesellschaft).

1924

Wegen der Inflation kann keine Revision der Gesellschaftsrechnung erfolgen. Am 21. September fand eine Erinnerungsfeier am 300. Todestag von Jakob Böhme statt, zu der auch die Schuhmacherinnung und die Stadt Görlitz eingeladen hatten. Es erscheinen mehrere Schriften zu Jakob Böhme und es wurde eine Ausstellung gezeigt. Der 100. Band des Neuen Lausitzischen Magazins erscheint.

1925

Vom 12. bis 18. Mai wird in den Räumen der Gesellschaft eine Ausstellung mit Erinnerungsstücken der Reformation gezeigt. Der Gesellschaftssekretär Jecht, welcher ein Jahr zuvor mit der Leibniz-Medaille ausgezeichnet worden war, hält viele Vorträge, u. a. zur 700.Jahr-Feier der Stadt Kamenz, im Rahmen der Schlesischen Kulturwoche oder beim Besuch des Ministerialdirektors Rentwig in Görlitz. Am 21. Juni findet wieder ein Ausflug mit der Naturforschenden Gesellschaft nach Leopoldshain statt.

1926

Dr. Hermann Katz schenkt der Gesellschaftsbibliothek viele wertvolle Bücher, Prof. Meth übergibt der Sammlung kostbare Münzen und Medaillen. Der Studienrat Stange beginnt mit der Katalogisierung der Funeralien und bringt sie in Druck. Anfang Oktober beteiligt sich die Gesellschaft am Deutschen Historiker-Tag in Breslau.

1927

Vom 6. bis 8. April tagt im Gesellschaftshaus der Niederschlesische Philologenverband. Der Präsident beglückwünscht das Bautzner Gymnasium zu seinem 400-jährigen Bestehen. Verschiedene Vereine besichtigen die Sammlungen der Gesellschaft, darunter am 15. Mai der Zittauer Geschichtsverein.

1928

Am 10. Januar erklärt Dr. Graf von Arnim, dass er die Wiederwahl als Präsident nicht annehmen werde. Daraufhin wird in der 235 Hauptversammlung Dr. Benno von Nostitz-Wallwitz als Präsident gewählt. Er bleibt bis zur Auflösung der Gesellschaft 1945 im Amt. Am 10. Juni besuchte der Sächsische Altertumsverein die Gesellschaft. Außerdem erhält die Gesellschaft zwei Schöppenbücher über Ober-Rudelsdorf und Altseidenberg sowie ein Tagebuch von Johann August Rösler (1778-1862). Das Urkundenbuch von Erich Wentscher erscheint als Band V des Codex diplomaticus Lusatiae superioris und es wird dem Sekretär Prof. Dr. Dr. Richard Jecht zu seinem 70. Geburtstag gewidmet.

1929

In diesem Jahr beging man die Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen der Gesellschaft mit einem Festakt, wobei 240 Teilnehmer erwartet wurden. Höhepunkt war u. a. die Ernennung Jechts zum Ehrensenator der Universität Breslau und die Ehrenpromotion von Dr. med. Walter von Boetticher zum Dr. phil. h. c. durch den Dekan der philosophischen Fakultät. Die Festrede hielt Richard Jecht. Für die Erneuerung der Gesellschaftshäuser werden weitere finanzielle Hilfen bewilligt. Außerdem erhält die Gesellschaft wegen der entwerteten Staatspapiere eine jährliche kulturelle Wohlfahrtsrente. Der Geheimrat Rietzsch vermacht der Gesellschaft eine Stiftung, wodurch die Gesellschaftsbibliothek viele wertvolle Bücher bekommt.

1930

Am 20. Januar öffnet das Kaiser-Friedrich-Museum die Gedenkausstellung für Christian Nathe. Die Gesellschaft stellte hierfür ihren reichhaltigen Bestand an Aquarellen und Zeichnungen zur Verfügung. Die Ausstellung war gleichzeitig Anlass, den graphischen Bestand neu zu ordnen und zusammen mit den anderen im Besitz des Museums und der Milichschen Bibliothek sich befindenden Sammlungen im Gesellschaftshaus Neißstraße 30 zu vereinen.

1932

Richard Jechts Vortrag über die Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften wird per Radio auf den Sendern Leipzig und Breslau übertragen.

1934

Die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften wird gezwungen, eine neue Satzung zu beschließen. An die Stelle der Wahl der Gesellschaftsämter tritt die Ernennung derer, lediglich der Präsident konnte von einem Gremium gewählt werden.

1939

Die Jahre um 1939 standen im Zeichen der Ehrungen zu Jechts 80. Geburtstag und zu seinem 50-jährigen Jubiläum als Gesellschaftssekretär. Es erschien die ihm gewidmete Festschrift "Oberlausitzer Beiträge". Dieses Jahr fand die Hauptversammlung nicht in Görlitz statt, sondern im Friedland, als dort die Schlesische Kulturwoche tagte. In dieser Hauptversammlung wurde auch die Verleihung der Richard-Jecht-Medaille beschlossen. Mit der Stiftung dieser Medaille wollte man diejenigen ehren, die sich um die Forschung der Geschichte der Oberlausitz besonders verdient gemacht haben.

1940

Wegen der Kriegshandlungen und damit verbundenen Reiseschwierigkeiten musste die Hauptversammlung erstmals ausfallen. Viele Mitglieder wurden zum Kriegsdienst einberufen. 

1941

In diesem Jahr wurden fünf Oberlausitzer Forscher mit der Richard Jecht-Medaille geehrt, zunächst jedoch nur mit Urkunden, da die Medaillen noch nicht fertiggestellt waren. Erst 1942 kam von 50 bestellten Exemplaren nur 40 Stück in Görlitz an.

1943

Ab 1943 war die Gesellschaftsarbeit nur noch in eingeschränktem Maß möglich, der Ausschuss kümmerte sich von nun an um alle Angelegenheiten. Die Papierknappheit zwang die Gesellschaft auch dazu, dass der Druck des 118. und 119. Bandes nicht wie vorgesehen erfolgen konnte.

1945

In diesen Jahr erfolgt die Liquidation der "Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften" aufgrund der Übernahme der staatlichen Aufgaben durch die sowjetische Besatzungsmacht und des Verbotes aller Vereinstätigkeiten. Im Mai erfolgt die Übergabe des Gesellschaftshauses Neißstraße 30 mit seinen umfangreichen Sammlungen in den Besitz der Stadt Görlitz. Bibliothek und Sammlungen werden einem Kuratorium anvertraut. Die bedeutenden historischen Sammlungen, darunter das Physikalische Kabinett, eine Mineraliensammlung, ein Grafisches Kabinett sowie weitere wissenschaftsgeschichtliche Sammlungen aus der Zeit um 1800 gehören seither zum städtischen Museum (Kulturhistorisches Museum Görlitz).

1950/51

Das Haus Neißstraße 30 wird als städtisches Eigentum den Städtischen Kunstsammlungen Görlitz übertragen. Die Bibliothek der Gesellschaft wird unter dem Namen "Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften" eröffnet.

bis 1990

Die Tradition regionalkundlicher Sammlungs- und Forschungsarbeit wird durch wissenschaftliche Veranstaltungen und den weiteren Ausbau der regionalspezifischen Sammlungsbestände fortzuführen versucht. Die Erforschung der Geschichte der Oberlausitz erfolgt in begrenztem Umfang unter dem Dach des Kulturbunds der DDR.