Bericht zur Herbsttagung 2010 "Menschen unterwegs. Die via regia und ihre Akteure"

von Stefan Dornheim & Lutz Bannert, Dresden

In Vorbereitung auf die 3. Sächsische Landesausstellung (www.landesausstellung-viaregia.museum), die vom 21. Mai bis zum 31. Oktober 2011 in Görlitz veranstaltet wird, fand am 5. und 6. November 2010 im Schlesischen Museums zu Görlitz die Tagung "Menschen unterwegs. Die via regia und ihre Akteure" statt. Sie wurde von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV), Dresden und der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften ausgerichtet. Die Tagung wurde durch mehrere Grußworte eröffnet: Ulf Großmann begrüßte als Vertreter der Stiftung Schlesisches Museum zu Görlitz, anschließend sprachen die Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst Sabine von Schorlemmer, die Projektleiterin der 3. Sächsischen Landesausstellung, Bettina Probst, der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der 3. Sächsischen Landesausstellung, Winfried Eberhard, sowie der Präsident der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, Dr. Steffen Menzel.

Prof. Winfried Müller, Inhaber des Lehrstuhls für Sächsische Landesgeschichte an der Technischen Universität Dresden und Direktor des ISGV, führte thematisch in die Tagung ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die historisch belegbare Kernzone der alten westöstlichen Straßenverbindung via regia zwischen Frankfurt/M. und Breslau (Wrocław), für die vor allem die Bezeichnung Hohe Straße belegt ist. Thematisiert wurden insbesondere die sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Transferprozesse auf dieser Straße, die durch Mobilitätsverhalten und den Austausch von Waren und Ideen seit dem späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit in Gang kamen und Strukturen schufen, die bis weit in die Neuzeit wirkten. Die Tagung rückte damit vor allem die Menschen als die Akteure auf der via regia mit ihren jeweiligen Mobilitäts- und Handlungsmotivationen in den Blick.

Die erste Sektion befasste sich mit der Gruppe der Kaufleute und Händler. Nach einem Impulsreferat von Winfried Müller richtete Swen Steinberg (Dresden) einen gruppenbiografischen Blick auf die Leipziger Kaufleute als bedeutsame wirtschaftliche Akteure auf der via regia. Durch die Betrachtung gemeinsamer Handlungsmuster wie Migration, Vielfalt, Netzwerk und Repräsentation, welche anhand von Einzelbiografien aus verschiedenen Jahrhunderten vorgestellt wurden, konnte gezeigt werden, wie flexibles räumliches und merkantiles Agieren stets von einem konstanten lokalen Handeln in Netzwerken begleitet wurde - Ressourcen, welche auch in Zeiten gesellschaftlichen Wandels ökonomische Sicherheit und Kontinuität gewähren konnten und nicht zuletzt das Bild der Stadt Leipzig bis heute sichtbar prägen. Mit dem überregionalen Wirken von Kaufleuten in den polnisch-sächsischen Handelsbeziehungen des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich im Anschluss Adam Perlakowski (Kraków). Anhand der an Bedeutung gewinnenden Handelskontakte zwischen Sachsen und der Adelsrepublik Polen-Litauen thematisierte er, wie sich eine Annäherung der beiden unierten Staaten im 18. Jahrhundert zunächst vor allem auf der wirtschaftlichen Ebene vollzog, während die Kontakte der politischen Eliten noch von starken gegenseitigen Vorbehalten - etwa in Fragen der Konfession oder der Staatsform - geprägt waren. Schließlich thematisierte Detlef Haberland (Oldenburg) die Rolle des frühneuzeitlichen Buchdrucks und Buchhandels im sächsisch-lausitzisch-schlesischen Raum und die damit verbundenen Prozesse des Wissens- und Ideentransfers sowie den Austausch und die Vernetzung der Intellektuellen in einer sich ausprägenden Wissens- und Bildungslandschaft im Umfeld der via regia. Deren Zentren - etwa Breslau (Wrocław), Görlitz, Dresden, Leipzig und Halle - besaßen in diesem Sinne eine große Anziehungs- und Strahlkraft auf die benachbarten Königreiche Böhmen und Polen ebenso wie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Nach der Frage nach dem Austausch von Handelswaren und Wissen widmete sich die zweite Sektion "Kunst und Kommunikation" vornehmlich künstlerischen Austauschprozessen entlang der via regia und verwies auf Orte der Inspiration und der Kommunikation im Weichbild der Straße. Der Leiter des Kulturhistorischen Museums Görlitz, Jasper von Richthofen, führte durch die Sektion. In einem ersten Vortrag thematisierte Roland Enke (Dresden) am Beispiel des Riesengebirges die künstlerische Entdeckung von Natur und Landschaft durch die Landschaftsmaler des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts zwischen topografischer Landesaufnahme, romantischer Landschaftsmalerei und touristischer Souvenirproduktion. Enke zeigte, wie den Reisewegen und populären Ansichten romantischer Maler wie Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus oder Ludwig Richter seit dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts zunehmend touristische Wanderer ins Riesengebirge folgten und zur Entstehung eines spezifischen Fremdenverkehrswesens beitrugen. Dagegen thematisierte Thomas Napp (Görlitz) musikalische Transferprozesse im frühneuzeitlichen Ostmitteleuropa durch den Versuch einer Rekonstruktion des sozialgeografischen Netzwerks des Komponisten Jacob Handl-Gallus in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zwischen Österreich, Böhmen, Mähren, Schlesien und der Oberlausitz. Dem Aspekt der Ingenieurbaukunst und damit den Aktivitäten von Baumeistern und Ingenieur-Offizieren an und auf der via regia im 17. und 18. Jahrhundert widmete sich im Anschluss Uwe Fraunholz (Dresden). Anhand exemplarisch ausgewählter militärischer und ziviler Baumeister wie Wolf Caspar von Klengel oder Matthäus Daniel Pöppelmann und ihrer Projekte erläuterte er, wie sich zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert ein spezifischer Ingenieurshabitus sowie eine Institutionalisierung und Professionalisierung der Ingenieursausbildung zu entwickeln begannen. Mit einem Blick auf das Gasthaus- und Herbergswesen als wichtigem Kommunikationspunkt an der via regia endete die zweite Sektion. Katja Lindenau (Dresden) untersuchte dazu exemplarisch die Struktur und die Entwicklung des frühneuzeitlichen Gastungs-, Herbergs- und Schankwesens der Stadt Görlitz als einem der Haupthandels- und Niederlageorte an der Hohen Straße.

Ein Abendvortrag mit anschließendem Empfang durch die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften und die Stadt Görlitz, die durch den Görlitzer Kulturbürgermeister Michael Wieler vertreten war, beschloss den Tag im Großen Sitzungssaal des Rathauses. Der Kunsthistoriker Jan Harasimowicz (Wrocław) referierte aus diesem Anlass über die kulturellen Beziehungen zwischen Schlesien, Sachsen und der Oberlausitz im Zeitalter der Konfessionalisierung. Im speziellen beschäftigte er sich mit den Diffusionsprozessen von Gestaltungselementen in der Sakralkunst der drei genannten Regionen. Dabei zeigte er, wie die theologischen Auseinandersetzungen der Zeit diesen Austauschprozess beeinflussten.

Am zweiten Tag der Veranstaltung befasste sich zunächst eine Sektion unter dem Titel "Randgruppen" mit dem Leben von marginalisierten oder herausragenden Personengruppen auf der via regia. Der Inhaber des Lehrstuhls für Sächsische Landesgeschichte an der Universität Leizpzig, Enno Bünz, moderierte die Sektion. In seiner Einführung unterstrich er den Definitionsbedarf des Terminus "Randgruppen". Anschließend präsentierte Elke Schlenkrich (Frankfurt/O.) einige Ergebnisse ihrer Forschungen zum Bettel- und Armenwesen im Herrschaftsbereich der Wettiner. Dabei vertrat sie die Auffassung, dass mit den Vagierenden keine Gegengesellschaft oder Unterwelt entlang der via regia existiert habe. Stattdessen zeigte sie den Facettenreichtum dieser Gruppe - etwa bedürftige Pilger, Delogierte, Soldaten und deren Angehörige oder Handwerksgesellen - und deren Strategien zur Subsistenzsicherung. Mobilität galt Schlenkrich in diesem Zusammenhang nur als ein Charakteristikum des Lebens von sozial Deklassierten. Mit den fahrenden Schaustellern stellte Ulrich Rosseaux (Frankfurt/M.) eine zweite mobile Personengruppe vor, deren Ehrbarkeit für die Zeitgenossen in Frage stand. Anders als bei den Vagierenden barg Rosseaux zufolge bei den Schaustellern nicht die Wohnungslosigkeit das Konfliktpotential. Vielmehr erschien den Zeitgenossen das Gewerbe selbst problematisch. Die zahlreichen Formen der Schaustellerei - Wandertheater, Akrobaten, Puppenspieler, Musiker, seltene Tiere - galten ihnen als Gefahren für die christliche Heilsgemeinschaft. Rosseaux zeigte, wie dieser Personengruppe aufgrund dessen hohe Hürden den Zugang zu den Städten erschwerten und sie ihre Reisen den Erwerbschancen entsprechend organisieren mussten. Markus Bitterlich (Dresden) befasste sich mit einer Personengruppe, die ihres Status als Fremde wegen als randständig angesehen werden könnte: den Gesandten und Boten. Am Beispiel der Stadt Görlitz zeigte er, welche Aussagen sich über Personen machen lassen, die im 15. Jahrhundert für den Stadtrat unter anderem auf der via regia Boten- oder Gesandtschaftsdienste übernahmen. Dabei präsentierte Bitterlich Befunde über den Lohn, die Beförderungsmittel und die Ausrüstung der Boten sowie über die unterschiedliche Intensität des Austauschs der Stadt Görlitz mit anderen Orten. Anschließend interpretierten Christina Gerstenmeyer (Trier) und Alexander Kästner (Dresden) den Fall des Räubers Johann Karraseck (1764-1809) als "außergewöhnlichen Normalfall" (Hans Medick) für kriminelle Mobilität um 1800 im Umfeld der via regia. Demnach sei Karraseck als Schmuggler im Grenzraum zwischen der Oberlausitz und Böhmen aktiv gewesen, bald darauf aber nach Sachsen geflüchtet. Im Selbstbild - das belegen die überlieferten Fallakten - ordnete sich der Täter dann ausdrücklich im Kontext der Armutskriminalität ein. Gerstenmayer und Kästner gelangten zu dem Befund, dass das in der Literatur präsente Bild vom "Räuberhauptmann" Karraseck stark von den Aussagen im Quellenmaterial abweicht.

Die abschließende Sektion der Tagung thematisierte "Zwang und Freiwilligkeit" als Aspekte von Mobilität auf der via regia und wurde von Milos Reznik, Inhaber des Lehrstuhls für Europäische Regionalgeschichte an der Technischen Universität Chemnitz, moderiert. In seinem Impulsreferat beschrieb er die Entscheidung zur Bewegung als zentrales Kriterium für die Abgrenzung von erzwungener und freiwilliger Mobilität. Christian Speer (Jena) setzte sich im ersten Referat der Sektion mit dem Beispiel der Pilgerfahrten auseinander. Als Buß- und Sühnefahrten hatten diese augenscheinlich auch Zwangscharakter. Speer befasste sich insbesondere mit dem Görlitzer Ratsherrn Georg Emerich, der sich 1465 eines außerehelichen Verhältnisses wegen auf eine neunmonatige Pilgerfahrt nach Jerusalem begab. Die Motivation Emerichs beschrieb er als ‚innengeleiteten’ Zwang. Die Kopie des heiligen Grabes in Görlitz, die Emerich nach seiner Rückkehr stiftete, deutet Speer als Beleg für Kulturtransfer im Umfeld der via regia. Ebenfalls religiös motiviert war die Mobilität, die Frank Metasch (Dresden) in seinem Beitrag vorstellte. Er referierte über die Flucht vor Verfolgung um religiöser Überzeugungen willen im Zeitalter der Konfessionalisierung. Den Mittelpunkt des Beitrags bildete die Emigration zehntausender böhmischer und schlesischer Exulanten, die auch auf der via regia in das lutherische Kurfürstentum Sachsen unterwegs waren. Demnach erzwang im Gefolge der habsburgischen Rekatholisierungspolitik des 17. Jahrhunderts die Vorstellung, nur die konfessionelle Einheitlichkeit könne die innere Stabilität eines Gemeinwesens gewährleisten, Tausende zur Flucht aus ihrer Heimat. Anschließend referierten Katrin Lehnert (München) und Lutz Vogel (Dresden) über Arbeitsmobilität in der Oberlausitz im 19. Jahrhundert. Sie zeigten, wie auf dem durch diese Region verlaufenden Teilstück der via regia unzählige Menschen zu Erwerbszwecken unterwegs waren. Dabei habe es sich hauptsächlich um Nahraumwanderungen gehandelt, für die der fließende Übergang von Häuslichkeit und Mobilität charakteristisch gewesen sei. Im abschließenden Referat der Sektion stellten Martina Pietsch und Katarzyna Zinnow (beide Görlitz) Befunde über die erzwungene Migration von Polen und Deutschen in Görlitz/Zgorzelec im Gefolge des Zweiten Weltkrieges dar. Von Zeitzeugeninterviews ausgehend berichteten sie über die Schicksale einer polnischen und einer deutschen Familie. Während die Familie von Wolfgang Rösler Zgorzelec nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen musste, wurde die Familie von Juliusz Teliczek zur gleichen Zeit vom ehemals polnischen Lemberg/Lviv zwangsweise in eben diese Stadt am östlichen Neißeufer umgesiedelt.

Abschließend fasste Tagungsleiter Winfried Müller (Dresden) die Ergebnisse der Veranstaltung zusammen. Er plädierte dafür, das Phänomen ‚Straße’ über den Blick auf das Leben der Menschen dort zu erschließen. Die Straße solle insofern als ein soziales Konstrukt verstanden werden, das sich aus dem Handeln der "Menschen unterwegs" sowie der an der Straße Lebenden und Arbeitenden ergab. Sie setzten und befolgten Rechtsnormen, sorgten für die Sicherheit auf der Straße und erhoben oder leisteten entsprechende Abgaben. Dadurch konstitutierten sie die Straße als sozialen Raum. Die Beiträge der Tagung werden in einem den Ausstellungskatalog begleitenden Essayband publiziert, wobei vorrangig Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler jüngere Forschungsergebnisse vorstellen.

Programmflyer zur Tagung (PDF, 206 kB)