Bericht zur Herbsttagung vom 3. bis 5. November 2016 in Görlitz

von Ivonne Makowski, Jan Bergmann und Arnold Klaffenböck

Die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften richtete ihre diesjährige Herbsttagung im traditionsreichen Görlitzer Barockhaus in der Neißstraße aus, und erfreulich viele Interessierte waren der Einladung gefolgt. Diesmal stand mit Carl Adolph Gottlob von Schachmann (1725–1789) einer der Gründer der OLGdW im Fokus, der sicherlich zu den faszinierendsten und vielfältigsten Persönlichkeiten des Oberlausitzer Adels gehörte. Sein Leben, Schaffen und Wirken im Spannungsfeld von Aufklärung, Pietismus und Adelskultur auszuloten, bemühten sich die thematisch breit gefächerten Fachvorträge in Görlitz bzw. in Königshain. Vor dem Symposion wurde vom Präsidium der OLGdW der schon lange ersehnte Band zur äußerst erfolgreichen Herbsttagung von 2011 in Hoyerswerda präsentiert. Die Publikation mit dem Titel „Zwischen mächtigen Fürsten. Der Adel der Oberlausitz in vergleichender Perspektive (16.–19. Jahrhundert)“ erlaubt nun, die meisten der damaligen Vorträge nachzulesen und schließt eine wichtige Lücke in der heimischen Forschungsliteratur. Prof. Volkhard Huth, der Leiter des mitveranstaltenden Instituts für Personengeschichte Bensheim, skizzierte einleitend in seinen „Annäherungen an Schachmann“ die vielschichtige Persönlichkeit, die sich einer angemessenen Beschreibung zu entziehen scheint, sowie zugleich den Forschungsrahmen, den eine künftige Biografik betreten müsste, ehe in der Sektion 1 „Herrnhutische Religiosität & Netzwerke“ die Grundlagen bereitet wurden. Prof. Frank Lüdke (Marburg) stellte dabei das Verhältnis von Pietismus und Aufklärung dar, stellte anhand einer Typologie Überschneidungen als Divergenzen fest, die gleichwohl eher der retrospektiven wissenschaftlichen Analyse entstammen, als dass sie von den Zeitgenossen selbst als Typenbezeichnung wahrgenommen worden wäre. Prof. Alexander Schunka (Berlin) verortete die „Oberlausitz zwischen Pietismus und internationalem Protestantismus“ und konnte zeigen, dass das Markgraftum trotz der vermeintlichen Randlage durchaus in die damals aktuellen Bewegungen und Ideen eingebunden war. Dr. Julia Schmidt-Funke (Jena) stellte unter dem Titel „Bräute Christi. Frauen und Männer im Pietismus“ Frauen aus dem Umfeld Schachmanns vor, wobei es sich um einen Topos aus Zinzendorfs Religionsverständnis handelt. Dr. Peter Vogt (Herrnhut) schließlich gab zum Verständnis von Schachmanns Wirken eine Einführung zur „Herrnhuter Brüdergemeine“, deren Entwicklung wie deren Reliogionsverständnis.

Am Freitag setzten sich mehrere Mitarbeiter des Kulturhistorischen Museums Görlitz mit „Schachmann als Wissenschaftler, Künstler und Sammler“ auseinander. Zunächst stellte Matthias Franke Schachmann als Zeichner vor. Das Erlernen der Zeichenkunst war ein fester Bestandteil adliger Ausbildung im 18. Jahrhundert, es diente sowohl der Geschmacksbildung als auch dem natur- und kulturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. So befindet sich in den Sammlungen des Kulturhistorischen Museums Görlitz eine Reihe von Handzeichnungen Schachmanns, die seine mannigfaltigen künstlerischen Interessen anschaulich belegen. Ein besonderes Augenmerk legte Franke auf Schachmanns zeichnerische Auseinandersetzung mit archäologischen Stätten und seine eigenständige fantastische Vervollständigung antiker Tempel. Darüber hinaus trat Schachmann als Bauzeichner für sein neu zu errichtendes Schloss in Königshain sowie als Dokumentarist der geologischen Formationen der Königshainer Berge in der Umgebung seines Rittergutes in Erscheinung. Darüber hinaus beschäftigte sich Schachmann aber auch mit den aufgeklärten, geistigen Strömungen seiner Zeit, was seine Beschäftigung mit dem französischen Philosophen Voltaire verdeutlicht. Eine tiefe Freundschaft verband Schachmann mit dem Maler Adrian Zingg, der seit 1764 an der Dresdener Kunstakademie tätig war. Letzterer unterstützte Schachmann in seinem künstlerischen Schaffen, indem er ihn mit Arbeitsmaterial versorgte oder Korrekturen an seinen eigenständig angefertigten Radierungen vornahm. Franke machte in diesem Zusammenhang deutlich, welche Hochachtung Schachmann mit seinen dilettantischen Zeichnungen und Radierungen in Künstlerkreisen genoss, was in dem Wunsch des damaligen Akademiedirektors Christian Ludwig von Hagedorn mündete, ihn als seinen Nachfolger zu sehen. Im nächsten Vortrag rekonstruierte Kai Wenzel die ehemals beeindruckende druckgrafische Sammlung Schachmanns anhand überkommener Grafiken und Kataloge im Görlitzer Museumsbestand. Das Sammeln von Druckgrafik war ebenso wie das Erlernen der Zeichenkunst im 18. Jahrhundert in adligen wie bürgerlichen Kreisen weit verbreitet. Allerdings ordnete Wenzel Schachmanns Motivation hierfür, gemäß einer Nennung verschiedener Sammlertypen in dem „Raisonnirenden Verzeichniß der vornehmsten Kupferstecher und ihrer Werke“ von Johann Caspar Füssli, über das bloße Repräsentationsbedürfnis hinaus dem Streben nach Erkenntnis und Geschmacksbildung durch das Studieren druckgrafischer Werke zu. So genoss die mit ca. 700 Blatt eher kleine, aber qualitativ hochkarätige Sammlung Schachmanns, die sich auf französische und englische Revolutionsgrafik konzentrierte, bereits zu Lebzeiten des Adligen öffentliche Bekanntheit. Unmittelbar nach Schachmanns Tod gelangte nur ein Teil der Blätter in den Besitz der OLGdW. Der im Königshainer Schloss verbliebene Rest wurde, zusammen mit der dortigen Bibliothek, erst 1941 von der Stadt Görlitz erworben. Deren Inventarisierung und wissenschaftliche Erschließung hält bis heute an und fördert vor allem bei den Genredarstellungen Darstellungen zutage, die K. Wenzel durch kunsthistorische Vergleiche als Raritäten auf dem damaligen Kunstmarkt identifizieren konnte, wodurch Schachmanns exzellente Kennerschaft und sein hoher Anspruch bei der Auswahl der Blätter einmal mehr deutlich wird. Anschließend referierte Dr. des. Constanze Herrmann über den Naturwissenschaftler Schachmann und ging ausführlich auf seine Überlegungen zu dem damals sensiblen Thema des Blitzschutzes ein. So besaß er nicht nur einen ausgewählten Fachbuchbestand hierzu, sondern publizierte 1782 seine eigenen Beobachtungen während eines sogenannten „Wetterschlages“ in Königshain einschließlich Konstruktionszeichnungen über einen bestmöglichen Blitzableiterstandort auf seinem Rittergut. In zweiten Teil des Vortrags ging C. Herrmann auf andere fortschrittlich gesinnte, miteinander in Kontakt stehende Männer ein, darunter der Augustinerabt Johann Ignaz von Felbiger und Adolf Traugott von Gersdorff, die bereits zwischen 1770 und 1772 Blitzableiter jeweils auf dem Turm der Stifts- und Pfarrkirche im schlesischen Sagan bzw. auf dem Rittergutsbesitz in der Oberlausitz errichten ließen. Als Fazit bleibt daher festzuhalten, dass Schachmann als ökonomisch Denkender und in seinem Streben nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Erzielen praktischen Nutzens für die Menschheit ein typisches Kind seiner Zeit war. Nach der Kaffeepause berichtete Lars-Gunter Schier (Seifhennersdorf) über die numismatische Sammeltätigkeit Schachmanns und ging dabei auf seine antiken Münzen sowie deren Verkauf an das Historische Münzkabinett auf Schloss Friedenstein in Gotha ein. Anhand eines von Schachmann eigens für seine Münzsammlung angelegten Kataloges bestätigte der Vortragende auch hier das Bild eines leidenschaftlichen Sammlers, der weder Kosten noch Mühen gescheut hätte, um eine anspruchsvolle Auswahl zusammenzutragen. Inspiriert von römischen Münzen entwarf Schachmann die Huldigungsmünze der Oberlausitzer Stände für den sächsischen Kurfürsten Friedrich August III. im Jahr 1769. Ein an der Sandsteinpalme im Schlosspark von Schmochtitz angebrachtes, geringfügig abgewandeltes Medaillon dieser Münze erinnert bis heute an jenes Ereignis. Die Sektion beendete Dr. Jasper von Richthofen, Leiter des Görlitzer Museums, mit seinem Bericht über Schachmann als Sammler von „Altertümern“. Bei Letzteren handelt es sich weniger um „Altertümer“ im engeren Sinn, sondern überwiegend um Alltags- oder Kultgegenstände indigener Völker. Anhand schriftlicher Überlieferungen Schachmanns hierzu konnte er einmal mehr als ein Mensch umrissen werden, der sich auch bei fremdartigen Gegenständen über die bloße Beschreibung hinaus Gedanken zu deren Sinn und Zweck machte. In Schachmanns Bemühen, sich das Leben der Altvorderen zu vergegenwärtigen, schloss er jedoch auch bei lokalen Funden allzu oft auf deren römischen Ursprung, selbst wenn es sich tatsächlich um keltische Gegenstände handelte. Nachmittags knüpfte Ines Haaser (Kulturhistorisches Museum Görlitz) mit ihren Überlegungen zu Schachmann und seinem Rittergut Königshain an die Referate des Vormittags an. Eine aussagekräftige Rekonstruktion des gutsherrschaftlichen Betriebs fällt schwer, da es für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts keine quellenkundlichen Überlieferungen von Wirtschaftsakten gibt. Auch in Schachmanns Bibliotheksbestand ist kein einziges Buch zur Landwirtschaftsgeschichte nachweisbar, weshalb die Frage offen bleibt, inwiefern er sich in das Führen seines Gutsbetriebs einbrachte. Ein interessanter Hinweis zu Schachmanns ökonomisch fortschrittlichem Denken findet sich allerdings in Akten zur Merinoschafzucht in Kursachsen, die dem Land zur wirtschaftlichen Gesundung nach dem Siebenjährigen Krieg dienen sollte. So gehörte der Königshainer Gutsherr zu einer Gruppe von 20 Auserwählten, die 1765 erste Merinoschafböcke erhielten, um eine eigene veredelte Zucht aufzubauen. Im Anschluss daran hinterfragte Dr. Lars-Arne Dannenberg (Zentrum für Kultur//Geschichte), Vizepräsident der OLGDW, Schachmanns Motive zu der mit ihm in Verbindung gebrachten sog. „Bauernbefreiung“. Dabei sprach er dem Königshainer Gutsherrn ein primär altruistisches Denken gegenüber seinen Untertanen ab und verwies darauf, dass Schachmann vor allem nach dem für Kursachsen verheerenden Siebenjährigen Krieg die wirtschaftliche Belebung seiner Güter im Blick gehabt hätte, als er seinen Untertanen anbot, sich gegen ein entsprechendes jährliches Dienstgeld von einem Teil ihrer Frondienste freizukaufen. Da dies im ausgehenden 18. Jahrhundert trotz alledem eine außergewöhnliche Neuerung darstellte, betonte L.-A. Dannenberg auch bei dieser Facette Schachmanns hohe experimentelle Aufgeschlossenheit, wodurch er zu einem Wegbereiter der späteren Bauernablösungen im 19. Jahrhundert wurde. Nachfolgend wurde hauptsächlich die Frage diskutiert, wie sich der Ausgleich für die auf dem Königshainer Gut zu erbringenden Arbeiten gestaltete und inwiefern nunmehr zu entlohnende Tagelöhner für den Gutsbesitzer teurer war als bäuerliche Frondienste. Schließlich beleuchtete Dr. Rüdiger Kröger (Hannover) Schachmanns Bildungsweg und seine Reisen, die für vieles, was bislang im Rahmen der Tagung über seine vielfältigen Interessen vorgestellt worden war, die Grundlagen bildeten. Der Referent beschrieb die spannende Zeit während Schachmanns Kavalierstour in den 1740er Jahren durch zahlreiche europäische Länder, wo er sich durch Streit mit seinem Vater vor allem auf der Flucht vor diesem befand. In der symptomatischen Reaktion Schachmanns, in persönlichen Krisen fluchtartig zu verreisen, zeichnete R. Kröger ein Verhaltensmuster nach, das sich offenbar durch das Leben des Adligen zog. Abgerundet wurde der intensive Tagungsfreitag von zwei Führungen durch die Sammlungen im Barockhaus. Matthias Wenzel wies die Teilnehmer des Symposions durch die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften, wo im Lesesaal eine Auswahl an gut erhaltenen sowie dringend restaurierungsbedürftigen Büchern aus der ehemals Schachmannschen Bibliothek bereitlag. Kai Wenzel leitete fachkundig durch die Räume des Kulturhistorischen Museums, in denen sich u. a. von Schachmann gesammelte Exponate befinden. Den Höhepunkt bildete eine Kabinettausstellung grafischer Blätter, die Schachmann entweder selbst gefertigt hatte oder von ihm für seine einstige private Sammlung erworben worden waren. Der Abendvortrag lag in den Händen von Staatssekretär a. D. Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard (Berlin/Alsbach-Hähnlein) Vorsitzender des deutschen Nationalkomitees für das UNESCO-Programm „Weltdokumentenerbe“. Unter dem Titel „‚Königshainer Elysium‘ – Auf dem Weg zum Kulturerbe – Chancen und Risiken“ machte der Redner deutlich, wie facettenreich die bereits unter Schutz gestellten Kulturgüter sind und welche Aktualität die Unterschutzstellung weiterer Objekte weltweit besitzt. In Bezug auf eine mögliche Kandidatur der Stadt Görlitz um den Weltkulturerbetitel motivierte J.-F. Leonhard zum neuerlichen Nachdenken über das städtebauliche Besondere der Stadt. Im Anschluss lud der Präsident der OLGdW, Dr. Steffen Menzel, die Anwesenden zum Empfang. Tags darauf besuchten die Teilnehmer des Symposions die Lebens-, Arbeits- und Wirkungsstätten Schachmanns in Herrnhut und Königshain. Vorerst steuerte der Bus Schloss Berthelsdorf an, das Anfang der 1720er Jahre für Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und Pottendorf auf seinem Rittergut errichtet wurde. Bei einer Besichtigung des Gebäudes, das nach jahrelangem Verfall durch aufwändige Sanierung vor der Vernichtung gerettet werden konnte, beeindruckte besonders die Türe zum ehem. Arbeitszimmer Zinzendorfs, auf der die ältesten erhaltenen Herrnhuter Losungen bei der Restaurierung sichtbar geworden waren. Das schlichte Bauwerk verkörpert einen Prototyp des Herrnhuter Barock und gab zusammen mit den benachbarten ehem. Wohnhäusern der Unitätsdirektoren einen Vorgeschmack auf Herrnhut. Vom Altan des Hutbergs warfen die Exkursionsteilnehmer einen Blick auf die planmäßig angelegte Exulantenstadt, um über den streng geometrischen Gottesacker zu den Gräbern Schachmanns bzw. denen seiner beiden Ehefrauen zu gelangen. Weitere Stationen des Rundgangs bildeten das frühere Wohnhaus Schachmanns in Herrnhut, jetzt Heimatmuseum, der Vogtshof mit dem Sitzungssaal der Herrnhuter Brüdergemeine sowie dem Gemeinsaal. Nach dem Mittagessen im früheren Herrschaftshaus Zinzendorfs ging die Fahrt weiter nach Königshain. Hier hatte Schachmann nach dem Siebenjährigen Krieg in Erweiterung seines Guts das Neue Schloss samt Park anlegen lassen. Im Gartensaal der von Schachmann selbst entworfenen Anlage erläuterte Dr. Matthias Donath (Zentrum für Kultur//Geschichte) anhand von Entwurfszeichnungen sowie Referenzbauten den Besuchern die Planungs- und Baugeschichte des Schlosses, das zu den wichtigsten Beispielen Oberlausitzer Schlossarchitektur im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zählt. Dabei machte er deutlich, dass sich hier Einflüsse aus dem französischen Barockklassizismus bzw. dem sächsischen Rokoko im Gefolge der Dresdener Architekten Johann Christoph Knöffel und Friedrich August Krubsacius widerspiegeln. Nach der Kaffeepause, die sinnigerweise im früheren Küchenpavillon des Schlosses genossen wurde, zeichneten Kirsten Krepelin und Thomas Thränert (Berlin) die Entstehung und Ausformung der reich gegliederten Parklandschaft von Königshain nach, die sich heute teils im französischen, teils im englischen Stil präsentiert. Abschließend wurde der Garten einschließlich des Denkmals für Schachmann erkundet, ehe die einsetzende Dunkelheit und der Regen zur Rückkehr nach Görlitz drängten. Es war eine intensive Tagung, die nicht nur viele Facetten Schachmanns freigelegt hat, sondern eben auch den Blick auf das zeitgenössische Umfeld freigab und geradezu zu einer Weiterbeschäftigung auffordert.